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Kalibrierschein lesen — alle Felder erklärt (DAkkS-Beispiel)

Was ist ein Kalibrierschein überhaupt?

Ein Kalibrierschein ist die dokumentierte Aussage eines Kalibrierlabors über den Ist-Zustand eines Messmittels zum Kalibrierdatum. Er enthält das Messergebnis, die zugehörige Messunsicherheit und die Rückführung auf nationale Normale (in Deutschland auf die Physikalisch-Technische Bundesanstalt PTB).

Wichtig: Ein Kalibrierschein repariert oder justiert ein Messmittel nicht — er misst es nur. Wenn das Gerät außerhalb der Toleranz liegt, dokumentiert der Schein das. Eine Justage muss separat beauftragt werden.

Merksatz

Der Kalibrierschein ist eine Foto-Aufnahme zum Kalibrierdatum — nicht eine Garantie für die Zukunft. Wie lange das Messmittel in der Toleranz bleibt, entscheidet der Betreiber risikobasiert über das Kalibrierintervall.

Die 14 Pflichtfelder nach ISO/IEC 17025

DIN EN ISO/IEC 17025:2018 Abschnitt 7.8 legt fest, welche Angaben ein Kalibrierschein mindestens enthalten muss. Hier die vollständige Liste mit typischen Inhalten auf einem DAkkS-Schein:

Nr.FeldBeispiel-Inhalt
1Titel „Kalibrierschein"Wortlaut variiert: „Kalibrierzertifikat", „Calibration Certificate"
2Eindeutige Schein-NummerK-2026-04321
3Akkreditierungs-Logo + RegisternummerDAkkS-Symbol, D-K-22842-01-00
4Name + Adresse des Kalibrierlabors3D Messtechnik KMK GmbH, Offenburg
5Name + Adresse des AuftraggebersKunde XY GmbH, Musterstadt
6Eindeutige Identifizierung des KalibriergegenstandsMessschieber, Seriennr. M-1124
7Datum des Empfangs + Datum der KalibrierungEingang 02.05.2026, Kalibrierdatum 04.05.2026
8Angewandtes KalibrierverfahrenVA-KMK-01L nach VDI/VDE 2618
9Umgebungsbedingungen20 ± 1,0 °C, rel. Feuchte 45 ± 10 %
10Verwendete Normale (Rückführungskette)Endmaße Klasse 0, Bezugsnormal Nr. EM-2391
11Messergebnisse pro MesspunktBei 50 mm: Anzeige 50,002 mm, Soll 50,000 mm
12Erweiterte Messunsicherheit U je MesspunktU = 3 µm bei k = 2
13Konformitätsaussage (optional) + Entscheidungsregel„Konform mit MPE = ±20 µm nach ILAC-G8" — oder leer
14Identität + qualifizierte Signatur der freigebenden PersonDigitale Signatur (eIDAS), z. B. Laborleiter

Zusätzlich enthält ein moderner Kalibrierschein einen QR-Code oder eine Schein-URL zur digitalen Verifikation und manchmal einen Hinweis auf die Aufbewahrungspflicht (in Deutschland mindestens 10 Jahre nach § 147 AO bei kaufmännischer Relevanz).

MPE, U und k = 2 — die wichtigsten Werte verstehen

Drei Werte verwirren in der Praxis am häufigsten — obwohl sie konzeptionell klar getrennt sind:

MPE — Höchstzulässige Abweichung

MPE (Maximum Permissible Error) ist die Toleranz, die das Messmittel laut Hersteller oder Norm einhalten muss. Sie steht typischerweise im Datenblatt oder in der einschlägigen Norm (z. B. DIN 862 für Messschieber). Beispiel: Messschieber 0–150 mm, MPE = ± 30 µm.

U — Erweiterte Messunsicherheit

U ist nicht die Toleranz, sondern die statistische Unsicherheit, mit der das Labor das Messergebnis kennt. U wird nach JCGM 100 (GUM, Guide to the Expression of Uncertainty in Measurement) bilanziert. Komponenten sind u. a.: Normal-Unsicherheit, Wiederholgrenze, Temperatur-Einfluss, Bediener-Einfluss.

U  =  k · uc
mit k = 2 → ≈ 95 % Vertrauen

k = 2 — Was bedeutet der Erweiterungsfaktor?

Der Erweiterungsfaktor k sagt: „Welche Überdeckungswahrscheinlichkeit soll U abdecken?" In der Praxis ist k = 2 der internationale Standard und entspricht etwa 95 %. Bedeutung in einem Satz: Der wahre Wert liegt mit ca. 95 % Wahrscheinlichkeit im Bereich Messwert ± U.

Praxis-Beispiel

Messschieber-Anzeige 50,002 mm, U = 3 µm bei k = 2. Lesart: „Der wahre Wert liegt mit 95 % Wahrscheinlichkeit zwischen 49,999 und 50,005 mm."

CMC — was kann das Labor überhaupt messen?

CMC (Calibration and Measurement Capability) ist die kleinste Messunsicherheit, die ein akkreditiertes Labor erreichen kann. Sie ist in der Akkreditierungsurkunde des Labors hinterlegt, und U eines Kalibrierergebnisses ist nie kleiner als die CMC des Labors.

Faustregel: CMC ≤ U ≤ ≈ ⅓ MPE — wenn U deutlich kleiner als ein Drittel von MPE ist, ist die Kalibrierung „kaufmännisch gesund". Wenn U sich der MPE nähert, wird die Konformitätsaussage statistisch problematisch.

BegriffBedeutungWer legt das fest?
MPEToleranz des MessmittelsHersteller / Norm
UUnsicherheit des KalibrierergebnissesLabor pro Messung
CMCBeste mögliche Unsicherheit des LaborsDAkkS-Akkreditierung

Konformitätsaussage und Entscheidungsregel

Eine Konformitätsaussage („konform / nicht konform mit MPE") ist optional. Sie ist nur möglich, wenn eine MPE definiert wurde, und sie muss die zugrunde liegende Entscheidungsregel nennen.

Drei häufige Entscheidungsregeln

  • Standard-Regel (ILAC-G8): Konform, wenn |Messwert − Sollwert| + U ≤ MPE. Konservativ.
  • Einfache Regel: Konform, wenn |Messwert − Sollwert| ≤ MPE. U wird ignoriert. Wird selten verwendet.
  • Kundenspezifische Regel: Vereinbarung mit dem Auftraggeber (z. B. Bereich „Bedingt konform" zwischen MPE − U und MPE + U).
Audit-Falle

Wenn auf dem Schein eine Konformitätsaussage steht ohne Angabe der Entscheidungsregel, ist das ein Befund (Finding) im ISO/IEC 17025-Audit. Bitte beim Labor nachfragen, welche Regel angewendet wird.

Wie erkenne ich einen DAkkS-Schein?

Drei eindeutige Merkmale unterscheiden einen DAkkS-Schein von einem Werkskalibrierschein:

  1. DAkkS-Symbol oben rechts auf dem Schein (rot/schwarz mit „DAkkS"-Wortmarke und Adler-Logo)
  2. Registernummer im Format D-K-XXXXX-XX-XX (z. B. unsere D-K-22842-01-00)
  3. Verweis auf die Akkreditierung nach DIN EN ISO/IEC 17025 mit Datum

Fehlt eines dieser Merkmale, handelt es sich um eine Werkskalibrierung — nicht akkreditiert, nicht international über ILAC-MRA anerkannt. Werkskalibrierung ist zulässig, wenn weder Norm noch Kunde explizit DAkkS verlangen.

Auditrelevant

IATF 16949, AS9100D, NADCAP und EN 9100 verlangen für rückführbare Messmittel grundsätzlich DAkkS-Kalibrierung (oder gleichwertig in nationaler Akkreditierung mit ILAC-MRA). Werkskalibrierscheine werden im Audit häufig moniert.

Audit-Checkliste für QM-Verantwortliche

Sieben Punkte, mit denen jeder QM-Verantwortliche einen Kalibrierschein in 2 Minuten prüfen kann:

  • Schein-Nummer eindeutig? Suche im Prüfmittelmanagement — Eintrag muss übereinstimmen.
  • DAkkS-Symbol + Registernummer vorhanden? Falls DAkkS verlangt wird: Pflicht.
  • Kalibrierdatum nicht älter als das geplante Intervall? Falls ja: Rekalibrierung sofort.
  • U für jeden Messpunkt angegeben? Pauschal-U für die ganze Messung ist nicht regelkonform.
  • Konformitätsaussage mit Entscheidungsregel? Wenn „konform" steht, muss die Regel da sein.
  • Umgebungsbedingungen plausibel? 20 °C ± 1 K ist Standard. Stark abweichende Werte hinterfragen.
  • Signatur prüfbar? Bei digitalen Signaturen via Adobe-Acrobat-Verifikation oder QR-Code-Scan.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen einem DAkkS-Kalibrierschein und einem Werkskalibrierschein?

Ein DAkkS-Kalibrierschein wird von einem nach DIN EN ISO/IEC 17025 akkreditierten Labor ausgestellt und ist international über die ILAC-MRA anerkannt. Er trägt das DAkkS-Symbol und die Akkreditierungsnummer (z. B. D-K-22842-01-00). Ein Werkskalibrierschein ist nicht akkreditiert und reicht nur, wenn weder Norm noch Kunde explizit DAkkS verlangen. Bei IATF 16949, AS9100 und vielen MDR-Kontexten ist DAkkS Pflicht.

Was bedeutet „U = 0,6 µm bei k = 2" auf einem Kalibrierschein?

U ist die erweiterte Messunsicherheit. k = 2 ist der Erweiterungsfaktor und steht für eine Überdeckungswahrscheinlichkeit von etwa 95 %. Konkret: Der wahre Wert liegt mit ca. 95 % Wahrscheinlichkeit im Bereich Messwert ± 0,6 µm. Diese Unsicherheit ist im Kalibrierschein für jeden Messpunkt einzeln auszuweisen (DIN EN ISO/IEC 17025 Abschnitt 7.8).

Muss eine Konformitätsaussage im Kalibrierschein stehen?

Nein, nicht zwingend. Eine Konformitätsaussage („konform / nicht konform mit MPE") ist optional und nur möglich, wenn eine Toleranz/MPE definiert wurde. Wird sie gegeben, muss die Entscheidungsregel angegeben sein — z. B. „Konformität bei Messwert + U ≤ MPE" (strenge Regel) oder „Konformität wenn Messwert ≤ MPE" (Standard-Regel). DAkkS-Kalibrierscheine folgen meist ILAC-G8.

Was ist der Unterschied zwischen MPE und U?

MPE (Maximum Permissible Error, höchstzulässige Abweichung) ist die Toleranz, die das Messmittel laut Hersteller oder Norm einhalten muss. U (erweiterte Messunsicherheit) ist die statistische Unsicherheit des Kalibrierergebnisses. Vereinfacht: MPE legt fest „wie gut darf das Gerät sein", U beschreibt „wie sicher haben wir das gemessen". Beide Werte stehen unabhängig voneinander im Kalibrierschein.

Wie lange ist ein Kalibrierschein gültig?

Ein Kalibrierschein hat keine feste Gültigkeit. Er dokumentiert nur den Zustand zum Kalibrierdatum. Das Kalibrierintervall (z. B. 12, 24 oder 36 Monate) legt der Betreiber selbst risikobasiert fest, gestützt auf DIN EN ISO 10012 und unter Berücksichtigung von Nutzungshäufigkeit, Umgebungsbedingungen und Stabilität des Messmittels. Mehr dazu im Fachartikel Kalibrierintervalle richtig festlegen.

Was bedeutet „CMC" im Kalibrierschein?

CMC = Calibration and Measurement Capability. Sie ist die kleinste Messunsicherheit, die ein akkreditiertes Labor für eine bestimmte Messgröße erreichen kann. Die CMC ist in der Akkreditierungsurkunde des Labors hinterlegt und legt die untere Grenze für das U im Kalibrierschein fest. U eines Kalibrierergebnisses ist nie kleiner als die CMC des Labors.

Muss der Kalibrierschein unterschrieben sein?

Ja. Nach DIN EN ISO/IEC 17025 Abschnitt 7.8.2 muss ein Kalibrierschein die Identität der für die Freigabe verantwortlichen Person enthalten. Heute meist als qualifizierte digitale Signatur (eIDAS) — eine handschriftliche Unterschrift auf einer gedruckten Kopie ist nicht mehr zwingend, solange die digitale Signatur prüfbar ist.

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